Gestern ist mir mal wieder eine dieser Geschichten passiert, die wohl wirklich nur mir passieren können. Beim Joggen, mitten im Wald, begegnete ich einem
volltrunkenen Mann, der anhand seiner Berufskleidung klar als Angestellter der Deutschen Bahn zu identifizieren war.
Ich habe ihn erst von weitem gesehen. Sein Gang war super ausfallend, wodurch er locker das dreifache der normalen Strecke zurücklegte. Rund um mich herum, wie gesagt, nur Wald. Also habe ich mein
Lauftempo verringert und vorsichtshalber meine Reaktionsmöglichkeiten durchdacht, je nach dem, wie der Betrunkene drauf ist. Bei denen kann man ja nie wissen, was ich aus eigener Erfahrung mit und
als Betrunkener weiß. Als er ungefähr fünf Meter von mir entfernt war, sprach ich ihn an, ob alles bei ihm ok sei. Eine rein rethorische Frage, aber ich denke, es ist so besser, als wie wenn ich
ihm sage, dass bei ihm nichts mehr ok ist.
Er hat einen sehr gefassten Eindruck gemacht. Zumindest wusste er, dass er jenseits von Gut und Böse war. Ich fragte ihn, woher er kam und wohin er wollte. Das Woher habe ich nicht wirklich
verstanden, weil er keinen Unterschied daraus zu machen schien, wo er wohnte, was sehr weit weg war und wo er sich so sehr die Kante gegeben hatte. Ich erfuhr aber zumindest, dass er im nächsten
Dorf seine Frau anrufen wollte, damit sie ihn abholen konnte. Und dass er sich mit zwei Flaschen Wein und aus Frust bei der Arbeit besoffen gemacht hatte. Auf meine Frage, ob ich ihn begleiten
sollte, sagte er lallend nein danke.
Ich ließ ihn ziehen, behielt ihn aber noch im Blick. Und tatsächlich, nachdem er stolpernd, schwankend, torkelnd immer wieder nur knapp dem harten Boden entgehen konnte, kam er doch noch seinem
eigenen Bein in den Weg und fiel unsanft ins Gestrüpp. Also ging ich zu ihm, half ihm auf und entschied mich ihn bis zum nächsten Dorf zu beleiten. Die Entscheidung war sicherlich die Richtige,
auch wenn es angenehmere Begleitpersonen gibt.
Er erzählte mir von seiner Arbeit und das er ständig unter Leistungsdruck stünde. Wohlgemerkt, er ist Bahnmitarbeiter und anscheinend arbeit er an einem Schalter in einem Bahnhof. Aber wer leidet
heute denn eigendlich noch nicht unter den unmenschlichen Arbeitsbedingungen? Ob das so ist und warum das so ist (obgleich früher die Arbeitsbedingungen sicherlich härter waren), muss jetzt
ungeklärt bleiben. Auf jeden Fall war dies der Grund für sein spontanes Besäufnis im Wald.
Ich musste ihn mit beiden Armen stützen, was sehr anstrengend war. Während ich mit ihm lief, bedankte er sich, entschuldigte er sich, bedauerte er die Situation und bewunderte meinen Einsatz
vortwährend und beinahe im Sekundentakt. Einmal sagte er mir, er würde für mich beten wollen. Normalerweise reagiere ich auf so etwas grundsätzlich allergisch. Aber einem Besoffenen klar zu machen,
dass er sich seine Religion sonst wo hinstecken könnte, ist nicht unbedingt das Beste.
Als wir dann, nach mehreren kurzen Pausen in dem Dorf und an der Telefonzelle angekommen sind, stellte sich uns das Problem, dass wir zusammen den Telefonaparat bedienen mussten, weil er alleine
dazu nicht mehr in der Lage war. Zuerst zog er die falsche Telefonkarte aus dem Geldbeutel (Mitgliedsbonuskarte eines Supermarktes). Dann nuschelte er mir die Telefonnummer so undeutlich zu, dass
ich mich prompt mehrmals verwählte. Als ich dann die richtige Nummer gewählt hatte, stellte sich heraus, dass seine Frau, bzw. niemand zu hause waren. Was nun? Gleich neben der Telefonzelle war ein
Spielplatz mit einer Bank. Dorthin schleppte ich ihn.
Ich machte ihm klar, dass er es später noch einmal bei sich zuhause versuchen sollte. Ich gab ihm die Telefonkarte so, dass er sie ohne Probleme finden und sie nicht wieder mit einer anderen Karte
verwechseln konnte. Dann versicherte ich mich noch seines Zustandes, der meines Erachtens nicht gefährlich war und gab ihm zu verstehen, dass ich jetzt gehen werde. Er war damit einverstanden, ließ
mich aber erst gehen, nachdem er mir nochmals ca. 1000 Mal Danke sagte und mich umarmte.
Nun Leute, glaubt mir. Aber so etwas geschieht mir immer wieder. Get freaky!? Aber vergesst nie: Vielleicht seid ihr auch mal in einer solchen Situation und dann, ja, dann wärt ihr froh über jede
Hilfe.
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