Mein Leben als Zeitarbeiter

Veröffentlicht auf von Koolteeth

Seit ungefähr einer Woche gehöre ich zu den vielen Arbeitern in Deutschland, die ihre Arbeitskraft in den Dienst einer Zeitarbeitsfirma stellen. Zum Glück weiß ich, dass ich nur vorübergehend auf diesen Arbeitgeber angewiesen bin. Denn schon nach so kurzer Zeit ist mir klar, dass dies für alle keine endgültige Lösung sein kann.

Ich wurde an eine mittelgroße Produktionsfirma vermittelt. Die Firma schreibt schwarze Zahlen und expandiert. Die Produktion läuft und der Chef fährt einen Porsche. Und mehr als die Hälfte der Angestellten sind Zeitarbeiter. Im Dreischichtbetrieb wechseln sich namenlose Gesichter an den Maschinen ab. Manche von ihnen grüßen nicht einmal.

An meinem ersten Tag arbeitete ich mit einer Frau zusammen, die mit 50 aus ihrem Verkäuferjob flog und nun ihren Lebensunterhalt an einer schmutzigen Maschine im Akkord verdient. Reden tut sie nur wenig, ein Lächeln kostet sie kraft. Wie sie wohl mit Kunden in einem Laden interagiert hat?

Im Gespräch mit einem Arbeiter fand ich heraus, dass manche schon seid zwei, vier und sogar fünf Jahren über eine Zeitarbeitsfirma in diesem Betrieb arbeiten. Von einer Übernahme träumen die meisten; dafür versuchen sie das Beste zu geben. Die, die nicht mehr daran glauben, stehen nur noch teilnahmslos an der Maschine.

All die Arbeiter betonen aber immer wieder das eine: besser als Arbeitslos. Unter der Hand bleibt ihnen jedoch nicht wirklich viel mehr übrig, als mit Harz IV, aber gesellschaftlich wiegen sie doch mehr als ein Arbeitsloser. Die Stimmung ist nicht wirklich erfreuenswert. Und die Stimmung zieht sich durch die ganze Belegschaft.

Dann spaziert der Chef durch die Halle. Er kennt uns nicht. Und er legt auch keinen Wert darauf uns kennen zu lernen. Ich weiß nicht einmal, wie er heißt. Mein einziger Ansprechpartner ist mein Meister. Dieser schickt mich fast jeden Tag an eine andere Maschine. Was dabei herauskommt, sehe ich jeden Tag: das Material hat Mängel. Einfachste Arbeiten wurden schlampig ausgeführt.

Keiner der Arbeiter identifiziert sich mit dem, was er da tut. Schnell schnell, wenn der Meister kommt - nur die Ruhe, wenn er wieder weg ist. Und der Meister selbst scheint mit seinem Auftrag endlos überfordert zu sein. Aufgezeigte Mängel belächelt er nur und schüttelt den Kopf.

Diese Personalpolitik führt doch auf Dauer zu Qualitätseinbußen. Wie soll jemand gute Arbeit leisten, wenn er keinerlei Gründe hat, sich mit der Firma und dem Produkt in irgendeiner Weise identifizieren zu können? Ich kenne noch nicht einmal den Sinn hinter dem, was ich da jeden Tag mache. Ich weiß nicht, was mit den Dingen passiert, die ich in den Händen halte. Wer sie bekommt und wozu er sie braucht. Traurig, aber es ist mir egal!

Arbeiten gehört zu einem ausgewogenen Leben dazu. Geld verdienen muss sein. In unserer Gesellschaft und auch in anderen Gesellschaften, kann man ohne Geld herzlich wenig „Freiheiten“ genießen. Aber eines muss aus diesem Fakt heraus klar sein: Arbeit muss würdig sein. Würdige Arbeitsbedingungen und würdige Entlohnung. Sonst hat doch auf Dauer niemand etwas davon! Aber längerfristiges soziales Denken lässt unter vielen Menschen, egal welcher Couleur, zu wünschen übrig. Die einen lassen es des guten Geldes wegen und die anderen aus Trotz, weil sie ohne Geld sowieso nicht an der Gesellschaft teilnehmen.

Veröffentlicht in Im Alltag

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Modern Slave 08/26/2008 18:21

Das kommt mir alles so verdammt bekannt vor...