Schizophren im Amt

Veröffentlicht auf von Koolteeth

Manchmal sitze ich einfach nur da. Ich atme ein und aus und lasse meinen Blick an immer demselben Punkt verharren. Oft sitze ich so, wenn ich warte. Egal ob in Wartezimmern, auf dem Bahnhof, auf der Straße oder zu hause. Dann schalte ich meinen Körper und meinen Geist auf Sparflamme. Es ist ein Gefühl, wie als wäre ich der einzige ruhige Punkt inmitten von Chaos, Hektik und Stress. Wie als wäre alles um mich herum zwar greifbar nahe, aber dennoch weit weg, fast so eine Art andere Dimension. Gespräche, die um mich herum stattfinden, blende ich einfach aus, solange sie nicht mich betreffen.

So geschah mir das folgende: Auf einem Stuhl sitzend, wartete ich auf meinen Termin bei meinem Arbeitsberater. Etwa sieben bis zehn Leute waren vor mir an der Reihe. Obwohl ich schon seit einer viertel Stunde da saß, hatte ich die Person, die momentan im Zimmer war, nicht gesehen. Das bedeutet, dass sie schon mindestens genau solange da drin gewesen sein muss. Verdammt lange für ein normales Beratungsgespräch. Wie lange hatte ich also noch auf meinem Stuhl zu warten? Ich begann mich mit der Tatsache anzufreunden, dass ich bestimmt anderthalb Stunden zu warten hatte. Also fing ich an langsamer und tiefer zu atmen. Ich richtete meinen Blick auf die vergilbte Raufasertapete gegenüber von mir. Hässlich. An den Rändern meines Sichtfeldes begann die Tapete bereits zu verschwimmen. Die einzelnen Erhebungen der Raufasertapete waren nicht mehr wahrnehmbar. Plötzlich hustete mir der alte Herr neben mir ins Gesicht. Ich war wieder da. Er entschuldigte sich bei mir. Ist ja nichts passiert. Nicht wirklich. Nur dass ich komischerweise eine Woche später mit Erkältung im Bett lag. Aber das ist eine andere Geschichte. Nachdem ich den Ekel überwunden hatte, wurde ich wieder ruhig. Ich begann wieder mit den Sparmaßnahmen. Dann richtete ich meinen Blick doch von der Tapete weg und schaute auf die Uhr. Jetzt war ich schon fast eine halbe Stunde da und es hatte sich immer noch nichts getan. Ich war nicht gerade erfreut über den aktuellen Stand der Dinge, aber ich musste mich meinem Schicksal beugen. Also zurück zur Tapete. Es wurde still um mich herum. Mein Blickfeld verengte sich auf einen kleinen Punkt an der Wand und mein Geist begann zu schweben. Ruhe und Gelassenheit. Geborgenheit und Freiheit. Ähnlich einem Traum. Halb hier, halb dort.

„Der Nächste.“
Der Mann, der mindestens eine halbe, wenn nicht sogar eine dreiviertel Stunde im Zimmer war, verließ das Zimmer. Genau konnte ich die Zeit nicht mehr einschätzen, da sie wie im Fluge vergangen war. Graue Haare und sehr klein. Kleiner als ich. Körperlich hätte er bestimmt schon älter als fünfzig sein können, aber seine Stimme und sein Lächeln und die Augen ließen mich vermuten, dass er höchstens vierzig war. Sein Weg führte an mir vorbei und als er auf meiner Höhe war, blieb er stehen. Er sah mir direkt in die Augen.

„Kennen wir uns?“
„Nicht das ich wüsste.“

Ich hatte ihn noch nie gesehen. Er mich bestimmt auch nicht. Aber seine Frage schien ehrlicher Überlegung zu sein. Wer weiß? Ich eben nicht!

„Vielleicht haben Sie mich irgendwann mal in der Stadt gesehen. Oder aber ich sehe einfach nur jemandem sehr ähnlich.“
„Nein.“
„Nun...“
„Nein! Wir kennen uns! Ich weiß es jetzt.“
„So. Woher?“
„Sie waren bei mir. Sie haben mit mir gegessen. Dann haben wir uns das Spiel angeschaut.“
„Sie müssen mich ganz sicher verwechseln.“

Vielleicht war er geistig auch einfach nicht mehr auf der Höhe.

„Ich täusche mich nie. Und versuchen sie ja nicht, mich für dumm zu verkaufen.“
„Nein! Hören Sie. Ich bin mir zu einhundert Prozent sicher, dass wir uns noch nie begegnet sind. Aber als Beweiß, sagen sie mir doch wie ich heiße!“

Er kam einen Schritt näher. Zu nahe.

„Hör mir zu du Bastard! Wenn du mich verarschen willst, ramm ich dir dein Nasenbein ins Gehirn!“
„Ganz ruhig ok! Wir können die Sache klären. Es ist ein Missverständnis.“
„Dein Name ist Martin. Und du kommst aus der Weststadt. Du hast eine Katze. Wer beim Fußball gewinnt, ist dir egal. Du interessierst dich nicht für Fußball.“

Scheiße. Er hatte Recht. Woher konnte er all das wissen?

„Und wann war ich bei ihnen?“
„Letzte Woche. Und die Woche davor. Davor schon länger nicht mehr.“
„Und woher kennen wir uns?“
„Du Arschficker willst mich wohl immer noch verarschen!“
„Nein! Ich schwöre, ich weiß von nichts!“
„Du kleiner Bastard! Ich wette du hast mir das Geld abgezogen!“
„Nein verdammt! Ich weiß von nichts! Jetzt glauben sie mir doch endlich!“
„Soll ich meinen Schwanz rausholen, vielleicht fällt es dir dann wieder ein!“
„Was!?“
„Du Bastard!“
„Was!?“

Ich hatte Angst. Große Angst!

„Bitte glauben sie mir! Ich weiß noch nicht mal wie sie heißen, geschweige denn wo sie wohnen!“
„Mein Name ist Martin. Und ich komme aus der Weststadt. Ich habe eine Katze. Mir ist egal, wer beim Fußball gewinnt. Ich interessiere mich nicht für Fußball.“
„Du Bastard! Du hast mich verarscht! Ich hab mich verarscht!“

„Der Nächste.“

Die Tür öffnete sich. Eine Frau kam aus dem Zimmer. Ich muss wohl eingedöst sein. Vor mir war niemand mehr. Ich war an der Reihe. Also stand ich auf und lief zur Tür. Mein Kopf war noch sehr durcheinander und mein Körper war träge. Nicht gerade der beste Eindruck, den man bei seinem Arbeitsberater hinterlassen kann.

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